Es ist eine kleine Notiz in einem der zahlreichen Fotoalben im Helmut-Schmidt-Archiv. Diese kleine Notiz jedoch erzählt eine ganze Menge über ihren Urheber Helmut Schmidt. Das mittlerweile etwas vergilbte Impressum der Wochenzeitung DIE ZEIT ist mit der Schere ausgeschnitten. Unter den beiden Titelzeilen stehen die Namen der Herausgeber: Dr. Marion Gräfin Dönhoff und Helmut Schmidt. Den eigenen Namen hat Helmut Schmidt per Hand und mit grünem Filzstift unterstrichen. Am Ende des Ausschnitts folgt seine Notiz – ebenfalls in grün – „Seit 1.5.1983: eine neue Aufgabe?“

Eine neue Aufgabe?

Anfang Mai 1983 hatte Schmidt seine Funktion als Mitherausgeber der in Hamburg erscheinenden Wochenzeitung angetreten. Er sollte diese Rolle bis zu seinem Tod behalten. Und auch darüber hinaus bleibt sein Andenken mit der ZEIT eng verbunden. Nicht zuletzt die im ZEIT-Magazin und in Buchform erschienenen Gespräche „Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt“ mit dem Chefredakteur Giovanni di Lorenzo haben das Medium und den Elder Statesman zum ebenso inspirierenden wie unterhaltsamen Dreamteam werden lassen.

Nun ist die Rolle eines Herausgebers einer Zeitung nicht ganz klar definiert. Auf die Beratung von Verlag und Redaktion hatte sich Schmidt jedoch von Anfang an nicht reduzieren lassen wollen. Er war bei Redaktionskonferenzen dabei, verbrachte eine Menge Zeit in seinem Büro im Pressehaus am Speersort 1 und vor allem schrieb er größere Artikel. Nach seiner Kanzlerschaft blieb er zwar bis 1987 Abgeordneter des Bundestags in Bonn, doch wuchs er mehr und mehr in die Rolle des Publizisten hinein.

Ja, eine neue Aufgabe!

Insofern würde man aus heutiger Sicht in der Notiz von Helmut Schmidt gern das Fragezeichnen durch ein überzeugtes Ausrufezeichen ersetzen. Ja! Eine neue Aufgabe! Ein neuer Lebensinhalt! Und doch ist das nunmehr 38 Jahre alte Fragezeichen das Besondere dieses Fundstücks aus dem Archiv. Gibt es doch Einblick in das Seelenleben des damaligen Mittsechzigers. Hinter ihm ein bewegtes Leben in der ersten Reihe der internationalen Politik, in ihm noch immer Kraft, Ideen, Gestaltungswille – aber vor ihm? Offenkundig war er auf der Suche nach einem neuen Hebel, mit dem er wirken konnte. Dass er ihn in der ZEIT fand, war sicherlich nicht nur für ihn eine glückliche Fügung.

Helmut Schmidt 1986 am Schreibtisch seines Büros bei der ZEIT.
Foto: Helmut R. Schulze